{"id":3717,"date":"2025-02-02T06:00:12","date_gmt":"2025-02-02T05:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/soldatenschicksale.de\/?p=3717"},"modified":"2025-02-01T18:40:04","modified_gmt":"2025-02-01T17:40:04","slug":"sonderbeitrag-gustav-hartmann","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/soldatenschicksale.de\/?p=3717","title":{"rendered":"Sonderbeitrag: Gustav Hartmann"},"content":{"rendered":"<p>Der Soldat Gustav Hartmann wurde am 13.10.1885 in der nieders\u00e4chsischen Gemeinde <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wollershausen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wollershausen<\/a> geboren. Im Ersten Weltkrieg k\u00e4mpfte er als Leutnant der Reserve in der 3. Kompanie des 74. Reserve-Infanterie-Regiments. Am 15.06.1915 fiel er im Alter von 29 Jahren w\u00e4hrend der K\u00e4mpfe in den Vogesen bei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Breitenbach-Haut-Rhin\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Breitenbach<\/a> (franz\u00f6sisch: Breitenbach-Haut-Rhin) im M\u00fcnstertal.<\/p>\n<p>\u00dcber den Todestag und die Todesumst\u00e4nde von Leutnant Gustav Hartmann berichtet die Regimentsgeschichte des 74. Reserve-Infanterie-Regiments:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Der Angriff auf Metzeral<\/em><\/p>\n<p><em>15. bis 21. Juni 1915<\/em><\/p>\n<p><em>In dieser Nacht gibt es in Nachbarabschnitten franz\u00f6sische \u00dcberl\u00e4ufer. Sie erz\u00e4hlen davon, dass f\u00fcr den 15. Juni ein Angriff geplant sei. Sogar die Stunde geben sie an. Wenn das stimmt, so kann das ja ein heiterer Tag werden.<\/em><\/p>\n<p><em>Am fr\u00fchen Morgen ist noch alles ruhig. Auf beiden Seiten. Dann f\u00e4ngt unsere Artillerie an. Sie hat sich f\u00fcr heute viel vorgenommen. Gegen 7 Uhr saust der erste schwere Brocken zum Franzmann hin\u00fcber. Krachend f\u00e4hrt er ins Gel\u00e4nde und wirft Steine, Sand und Eisenst\u00fccke bis in unsere Stellung. Wir nat\u00fcrlich alle Mann an die Schulterwehr. Gespannt beobachten wir. Wenn einer richtig &#8222;sitzt&#8220;, dann gibt es lebhaften Beifall. Sonst hei\u00dft es mit Bedauern &#8222;Zu weit&#8220; oder &#8222;schade zu kurz&#8220;. Gegen 12 Uhr halten unsere Gesch\u00fctze ein. Es ist eine Feuerpause bis 2 Uhr vorgesehen.<\/em><\/p>\n<p><em>Auf der Gegenseite bleibt noch alles ruhig.<\/em><\/p>\n<p><em>Schon wollen wir uns ein wenig im Graben langmachen, da kommt die Meldung, dass sich die Franzosen hinter unserer alten Feldwache zum Sturm aufstellen. Wir packen die Knarre, stellen uns an die Schie\u00dfscharten und warten der Dinge, die da kommen sollen. Noch aber r\u00fchrt sich nichts.<\/em><\/p>\n<p><em>Um 2 Uhr beginnen unsere Batterien ein vorher festgelegtes Wirkungsschuie\u00dfen. Nun f\u00e4ngt aber auch der Franzmann an. Mit allen Kalibern! Aus der festung Epinal schickt er 25-cm Granaten her\u00fcber! Wir kennen sie an dem hohlen Sausen. Wums! Die Erde zittert. Hoch in die L\u00fcfte schl\u00e4gt ein Fichtenstamm Purzelb\u00e4ume. Ein Spr\u00fchregen von Erde und Steinen prasselt auf uns nieder. Jetzt eine Mine. Achtung, K\u00f6pfe weg! Rums! Kurz hinter uns hat sie eingehauen. Eine schwefelgelbe Wolke zieht \u00fcber uns weg. Wir husten, halten den Atem an. Und \u00e4ugen! Ritsch bum! So ein gemeiner Ratscher witscht haarscharf \u00fcber den Graben. Noch dazu aus der Flanke. Diese Biester!<\/em><\/p>\n<p><em>Bald entsteht ein solcher H\u00f6llenl\u00e4rm, dass wir unser eigenes Wort nicht verstehen. B\u00e4ume splittern, Felsen werden in Atome zertr\u00fcmmert, alles kracht und birst um uns her. F\u00fcr Augenblicke ducken wir den Kopf, im n\u00e4chsten haben wir ihn schon wieder an der Schie\u00dfscharte. Links von uns ein Volltreffer. Markersch\u00fctternde Schreie. Aber wir d\u00fcrfen nicht weg, d\u00fcrfen die Augen nicht abwenden von da dr\u00fcben.<\/em><\/p>\n<p><em>Wie lange schon dauert die H\u00f6lle? Die Sonne steht schon im Westen. Also muss es sp\u00e4t am Nachmittag sein. Wir haben keine Zeit, auf die Uhren zu sehen. Es ist ja auch so gleichg\u00fcltig.<\/em><\/p>\n<p><em>Und seltsam. Je l\u00e4nger das Toben dauert, je w\u00fcster es wird, desto k\u00e4lter wird unser Blut. Zu \u00e4ndern ist ja doch nichts dran. Einmal h\u00f6rt es auf! Ob wird erleben, ist eine zweite Frage. Aber wenn wirs erleben, dann sollen sie uns auch da finden, wo wir hingeh\u00f6ren. Sie sollen es sich nicht zu leicht vorstellen!<\/em><\/p>\n<p><em><span style=\"color: #ff0000;\"><strong>Neben uns die 3. Kompanie. Fast alle Leute liegen in Deckung. Nur ihr F\u00fchrer Leutnant Hartmann steht mit dem Gewehr in der Hand an der Schie\u00dfscharte und beobachtet. Da sieht er, dass sich dr\u00fcben etwas bewegt. &#8222;An die Gewehre!&#8220; Scharf dringt sein Ruf durch den Graben, seine Leute springen heraus. Im n\u00e4chsten Augenblick bemerkt er eine heranfliegende Mine. Er ruft noch seinen Leuten zu: &#8222;Achtung, Mine!&#8220; Aber schon ist es zu sp\u00e4t. 6 Mann, darunter der tapfere Ersatz-Reservist L\u00fcsse tot. Leutnant Hartmann selbst schwer verwundet. Sein Bursch Schneider schleppt ihn sofort in einen Unterstand und will ihn verbinden. &#8222;Ach, Schneider, nicht verbinden, ich sterbe ja sowieso gleich. Schreiben Sie nicht an meine Frau, nur an meine Eltern!&#8220; Das sind seine letzten Worte. Ein hevorragend tapferer Offizier geht mit ihm hin\u00fcber!<\/strong><\/span><\/em><\/p>\n<p><em>Gegen 4 Uhr ist der H\u00f6hepunkt. Toller kann es nicht gut werden. Da! Gewehrfreuer! Jetzt muss der Angriff kommen! Fest umklammern wir den Gewehrschaft. Er mag nur kommen!<\/em><\/p>\n<p><em>Hallo! Dort! Seht ihr sie? Die ersten steigen aus den Gr\u00e4ben! Von da, von dort, aus dem Walde kommen sie vor! Das aufgepflanzte Bajonett, dieses scheu\u00dflich lange, spitze Ding funkelt in der Sonne! Heranspaziert, meine Herrschaften! Ihr sollt die Nase schon vollkriegen! Ruhig nehmen wir sie aufs Korn. Peng! Hundertfach blitzt es azs unseren Gr\u00e4ben. Jeder Schuss sitzt, ist mit Bedacht abgegeben.<\/em><\/p>\n<p><em>Besonders schneidig benimmt sich der tapfere Gewehrf\u00fchrer vom Maschinengewehr Braunkopf rechts. Drei Angriffswellen der Alpenj\u00e4ger werden haupts\u00e4chlich durch ihn niedergem\u00e4ht. Da durchbort eine Kugel seine Brust. Er f\u00fchrt sein Gewehr weiter. Bis ihn eine andere noch den Arm zerschmettert.<\/em><\/p>\n<p><em>Jetzt setzt auch unsere Artillerie ein. Granaten und Schrappnells hageln nur so \u00fcber und zwischen die ankommenden Wellen. Der R\u00f6spelwald und die hinteren Gr\u00e4ben sind wie von einer Mauer aus Eisen und Feuer abgeriegelt. Da kommt kein Schwein durch!<\/em><\/p>\n<p><em>Der Franzmann stockt. Da und dort sieht man Wellen zur\u00fcckfluten. Sofort werden sie von unseren Maschinengewehren gefasst. Von Fels zu Fels zur\u00fcckkriechend, strebt er seine Ausgangsstellung zu erreichen. Mancher von ihnen bleibt unterwegs liegen. <\/em><\/p>\n<p><em>Das Feuer ebbt ab. Der Abend wirft seinen Schatten ins Tal. Jetzt erst haben wir Zeit uns umzusehen. Wie ist es der Kompanie, wie dem Regiment ergangen?<\/em><\/p>\n<p><em>Unseren rechten Fl\u00fcgel haben die Franzosen in Frieden gelassen. Der Angriff galt nur den Abschnitten Schimmelmann und Bowien, und dieser Angriff ist auf der ganzen Front zusammengebrochen. Er hat den Franzosen schwere Verluste gekostet.<\/em><\/p>\n<p><em>Nur zwischen 1. und 2. Kompanie ist es ihm gelungen, einen Keil in unsere Stellung zu treiben. Hier waren die Gr\u00e4ben vollkommen eingeebnet, die Besatzung tot oder versch\u00fcttet. Sofort setzen die Unsern zum Gegensto\u00df an. In raschen Spr\u00fcngen arbeiten sie sich vor. Schon haben sie unsere alte Linie erreicht. Der Franzmann setzt sich zur Wehr, andere fangen an zu t\u00fctmen.<\/em><\/p>\n<p><em>Da haut ein Volltreffer der eigenen 21 er-M\u00f6rser mitten zwischen unsere Leute. Der tapfere F\u00fchrer der 3. Kompanie, Leutnant Groeger, sinkt t\u00f6dlich getroffen zu Boden. Seine besten Leute, die dicht bei ihm k\u00e4mpfen, werden von der gleichen Granate hinweggerafft. Der kleine, f\u00fchrerlose Rest weicht mit schweren Verlusten zur\u00fcck. L\u00e4hmende Trauer legt sich auf alle, als wir diese Hiobsbotschaft h\u00f6ren<\/em><em>.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Seite 187<\/p>\n<p>Man begrub Gustav Hertmann auf dem Soldatenfriedhof <span data-sheets-root=\"1\"><a class=\"in-cell-link\" href=\"https:\/\/www.google.de\/maps\/place\/68380+Breitenbach-Haut-Rhin,+Frankreich\/@48.0219161,7.0813125,14z\/data=!4m5!3m4!1s0x4793d764830f1509:0x40a5fb99a393e10!8m2!3d48.023162!4d7.102267\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Breitenbach<\/a><\/span> in <span data-sheets-root=\"1\">Block 7 Grab 135.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_3716\" aria-describedby=\"caption-attachment-3716\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-3716\" src=\"http:\/\/soldatenschicksale.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Leutnant-Hartmann-74.-RIR-3.-Kompanie.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"746\" srcset=\"http:\/\/soldatenschicksale.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Leutnant-Hartmann-74.-RIR-3.-Kompanie.jpg 540w, http:\/\/soldatenschicksale.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Leutnant-Hartmann-74.-RIR-3.-Kompanie-217x300.jpg 217w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 85vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3716\" class=\"wp-caption-text\">Leutnant Gustav Hartmann von der 3. Kompanie des 74. Reserve-Infanterie-Regiments in seinem Unterstand bei M\u00fcnster kurz vor seinem Tod<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Soldat Gustav Hartmann wurde am 13.10.1885 in der nieders\u00e4chsischen Gemeinde Wollershausen geboren. Im Ersten Weltkrieg k\u00e4mpfte er als Leutnant der Reserve in der 3. Kompanie des 74. Reserve-Infanterie-Regiments. 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