Soldatenschicksale des 1. Weltkrieges Teil 647: Eberhard Brod

Der Soldat Eberhard Brod stammte aus Steinfurth, einem Stadtteil der hessischen Stadt Bad Nauheim. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Tambur in der 9. Kompanie des 116. Reserve-Infanterie-Regiments. Am 28.08.1914 fiel er bei Mouzon (Ardennes).

Über den Todestag und die Todesumstände von Eberhard Brod berichtet die Regimentsgeschichte des 116. Reserve-Infanterie-Regiments:

„28.08.1914 Von allen Schilderungen der Ereignisse beim Regiment am 28.08. scheint mir der Bericht des damaligen Regimentsadjutanten, Oberleutnant von Ilsemann, am zuverlässigsten. Ich lege daher seinen Bericht hauptsächlich zu Grunde, um einen der schwersten Tage des Regiments zu schildern.

Die während der Nacht eingehenden Befehle und Orientierungen ließen erkennen, dass unsere Führung annahm, die Franzosen seien südwestlich der Maas weiter im vollen Rückzug und deckten diesen auf dem westlichen Ufer nur noch mit schwächeren Kräften.

4 Uhr morgens, an einem herrlichen Spätsommertag, der sehr heiß wurde, überschritt das Regiment auf einer in der Nacht geschlagenen Pontonbrücke die Maas und trat als Vorhut der 25. Reserve-Division den Marsch auf Beaumont an. Reihenfolge der Bataillone III., I., II. Die Marschstraße, die Rückzugsstraße der Franzosen am 30.08.1870 nach der Schlacht bei Beaumont, führt aus dem Maastal in mäßiger Steigung durch eine Waldschlucht auf eine 6 Kilometer südwestlich Mouzon gelegene Hochfläche.

Beim Austritt aus dem Bois de Fond de Limon schlug dem Regiment heftiges Infanteriefeuer entgegen. Der bei dem Vortrupp reitende Regimentskommandeur Oberstleutnant von Pfeil befahl: „Das III. Bataillon greift beiderseits der Straße an und setzt sich in den Besitz der vorliegenden Höhe.“ Wie auf dem Exerzierplatz entwickelte Major von Busse seine Kompanien, die mit ihren Offizieren weit vor der Front sprungweise gegen den Feind vorgingen. Am weitesten links war die 11., die Spitzenkompanie, dann folgten nach rechts 12., 10., 9. Kompanie. Vom II. Bataillon wurde die 5. Kompanie, Hauptmann Leßner, als linke Seitendeckung in das Bois de l_Hospice geschickt, die 5. als Artilleriebedeckung zurückgehalten. Die 6. und 7. Kompanie werden rechts vom III. eingesetzt. Mit der Pfeife im Munde führte Major Schröder seine beiden Kompanien vor. Ohne eine Artillerievorbereitung abzuwarten, stürmen das III. und die beiden Kompanien des II. die vorliegende Höhe und warfen die Franzosen zurück. Vor seiner Kompanie erhielt Hauptmann Bader einen schweren Bauchschuss.

Beim weiteren Vorgehen wurde festgestellt, dass der Feind beiderseits des Abre de la Belle Epine sich in einer starken Stellung befand, aus der unseren Schützenlinien lebhaftes Feuer entgegenschlug. Auch das anfangs schwache feindliche Artilleriefeuer wuchs zu immer größerer Stärke an, von allen Seiten überschütteten feindliche Batterien das tapfer aushaltende Regiment. Als dann auch die Franzosen zum Angriff vorgingen, wurde dem dicht hinter dem Regiment haltenden Brigandekommandeur Oberst von Heldorff klar, dass der Feind hier nicht daran dachte abzumarschieren. Im Gegenteil, er stellte sich auf den Maashöhen und beabsichtigte scheinbar die schwachen, bisher über die Maas übergegangenen Teile auf den Fluss zu werfen und dadurch den Übergang des Gros unmöglich zu machen. Dementsprechend war die Aufgabe des Regiments plötzlich eine andere geworden. Der Angriff wurde eingestellt, statt dessen befohlen: „Das Regiment hat die genommene Höhe unter allen Umständen zu halten und dadurch das Überschreiten der Maas durch das Korps sicherzustellen:“

Schon in den frühen Morgenstunden erlitt das Regiment beträchtliche Verluste. Zum Füllen der Lücken vor allem zur Sicherung der linken (östlichen) Flanke musste sehr bald das I. Bataillon eingesetzt werden. 1½ Kompanien blieben Reserve, Führer Hauptmann von Goetze, da zunächst auf weitere Unterstützung nicht zu rechnen war. Auch unsere Artillerie konnte keine Erleichterung bringen, da geeignete Feuerstellungen in dem Hochwald mit dichtem Unterholz nicht vorhanden waren.

In dieser ernsten Lage hatte das Regiment einen außerordentlich schweren Stand. Die Franzosen versuchten, die ihnen abgenommenen Höhen zurückzunehmen, aber weder ihr konzentrisches Artilleriefeuer, noch ihre immer von neuen unternommenen Angriffe vermochten die tapferen Bataillone ins Wanken zu bringen. Wo einzelne Teile schwach wurden, stellte die Energie der Offiziere schnell die Ordnung wieder her.

Regiments- und Bataillonskommandeur kämpften in vorderster Linie. Bei La Sartelle-Ferme verhinderte Hauptmann Freiherr von Stein eine Umgehung der linken Flanke des Regiments. Aufrechtstehend kommandeierte er das Feuer seiner 3. Kompanie, welche den angreifenden Franzosen starke Verluste beibrachte. Nachdem Freiherr von Stein durch zwei Schüsse verwundet war, musste er die Führung seiner Kompanie abgeben. Als auch Leutnant Schärfe und Offizierstellvertreter Zeh verwundet, Offizierstellvertreter Müller gefallen war, behielt Leutnant Eckardt das Kommando und gab durch seine Tapferkeit seinen Leuten ein hervorragendes Beispiel. Mitten unter seinen Maschinengewehren fiel der besonders heldenmutig kämpfende Hauptmann Freiherr von Buddenbrock durch Kopfschuss. In kürzester Zeit hatte er es verstanden, sich das Vertrauen seiner Leute zu erwerben. Der Heldentod dieses hervorragend tüchtigen Maschinengewehr-Offiziers bedeutete einen schweren Verlust für das Regiment. Kurz darauf wurde auch Leutnant Rensch verwundet und fast alle Maschinengewehre außer Gefecht gesetzt.

Von allen Kompanien kamen gegen Mittag Meldungen über schwere Verluste und Mangel an Munition. Die Patronenwagen wurden trotz des heftigen Feuers im Galopp vorgezogen und trotz mancher Verluste kam die Munition nach vorne. Besonders zeichnete sich hierbei der Vizewachtmeister Schuldt, der spätere Leutnant und Verpflegungsoffizier des I. Bataillons aus. Er fuhr mit einem Patronenwagen bis dicht an die Schützenlinie und kam ohne Verluste zurück. Er erhielt für diese tapfere Leistung das Eiserne Kreuz I. Klasse. Es kam eine Meldung des Bagageführers, mindestens ein feindliches Bataillon stände im Rücken des Regiments. Aber auch jetzt wurde die letzte Reserve des Regiments, 1½ Kompanien unter Hauptmann von Goetz, nicht aus der Hand gegeben. Später stellten Streifen fest, dass die Meldung falsch sei, nun erst wurde die Reserve in dieder  Unterstützung so bedürftige vorderste Linie eingesetzt.

Der Regimentskommandeur, Oberstleutnant von Pfeil, war etwa 7.45 Uhr vormittags bei dem Versuche, einen Gefechtsstand zu finden, der bessere Übersicht bot, verwundet worden. Die Führung des Regiments hatte Major von Westernhagen übernommen. Auch Major von Busse war so schwer verwundet, dass er noch in der Nacht starb.

Während das Regiment seit dem frühen Morgen im ununterbrochenem schwersten Kampf die entscheidenden Höhen östlich Yoncq behauptete, vollzog sich in seinem Rücken bei Mouzon der ungestörte Übergang des XVIII. Reserve-Armnee-Korps, dessen Regimenter nach und nach rechts von Reserve-Infanterie-Regiment 116 in die Schlacht eingriffen. Eine gewisse Erleichterung wurde vor allem durch das Nachlassen des feindlichen Artilleriefeuers vorübergehend gespürt, aber die Aufgabe des Regiments war noch nicht erfüllt. Immer von neuem versuchte der Feind das Regiment zurückzuwerfen, gelang es ihm, stand der Feind in der Flanke der bisher über die Maas übergegangenen deutschen Teile, verhinderten den weitern Übergang und stellte den Ausgang der Schlacht inb Frage. Allen noch kämpfenden Offizieren des Regiments war dies klar geworden. Viele waren es allerdings nicht mehr, von den elf eingesetzten Kompanien hatten nur noch drei ihre Führer, die anderen waren gefallen oder verwundet. Mehrere Kompanien waren schon ohne jeden Offizier, dementsprechend waren die Verluste an Unteroffizieren und Mannschaften. Die Kräfte des seit Stunden im schwersten Feuer kämpfenden Regiments spannten sich bis zum äußersten. Als aber schließlich wieder die Munition ausging, die Verluste immer größer wurden, Reserven nicht mehr zur Verfügung standen, wurde der Widerstand schwächer. Erneute Angriffe abzuwehren hatte das Regiment kaum noch die Kraft. In Erkenntnis dieser Lage ritt der Regimentsadjutant, Oberleutnant von Ilsemann, so schnell als es die Kräfte seines verwundeten Pferdes erlaubten zum Kommandierenden General, der am Südwestausgang von Mouzon die Schlacht leitete. General von Steuben, der wusste, dass durch den Verlust der Höhen, auf denen Reserve-Infanterie-Regiment 116 kämpfte, der Schlachtenerfolg der Armee in Frage gestellt war, tat sofort alles, was dem schwerblutenden Regiment Erleicherung bringen konnte. Er schickte Munition, ließ das Feuer der schweren Feldhaubitzen auf den dem Regiment gegenüberstehenden Feind lenken und befahl schließlich seiner Reserve, dem Reserve-Infanterie-Regiment 88, dem Reserve-Infanterie-Regiment 116 zur Hilfe zu eilen. Im entsprechenden Augenblick, als das heldenmutig ringende Reserve-Infanterie-Regiment 116 am Ende seiner Kraft war, traf die Hilfe ein. Unter Führung des Oberst von Helldorf wurde ein letzter Versuch der Franzosen, die Schlacht zu ihren Gunsten zu entscheiden, vereitelt.

Die linke Seidendeckung, 5. Kompanie, hatte am Südrand des Bois de l’Hospice von einer Kavallerie-Offizierstreife die Meldung erhalten, der Waldrand bei Arbe de la Belle Epine sei vom Feinde stark besetzt. Hauptmann Leßner entwickelte einen Zug und ließ ihn gegen den Feind vorgehen, mit den beiden anderen Zügen wollte er den rechten Flügel des Feindes vom Steilhang an der Maas aus umfassen. Der zur Erkundung vorgeschickte Leutnant der Reserve Rindfuß stellte aber starke feindliche Abteilungen zwischen Beaumont und Létanne, also in der linken Flanke der Kompanie fest, die Absicht des Hauptmann Leßner war also unausführbar. Die Kompanie nistete sich am Steilhang an der Maas ein und trat in das Gefecht, das trotz starker Verluste und Munitionsmangel bis zum Nachmittag durchgeführt wurde. Als dann der Feind mit vier Kompanien und Maschinengewehren gegen die 5. Kompanie vorging, ging die Kompanie im Gefecht zum Nordrand des Bois de l’Hospice zurück. Hier blieb Leutnant Rindfuß als Nachhut, der mit den letzten Patronen den Gegner fernhielt und den Abzug seiner Kompanie deckte, die gegen Abend das Regiment wieder erreichte. 20 Mann des zuerst entwickelten Zuges, die zu tapfer nach vorn durchgegangen waren, wurden vom Feinde umzingelt und später gefangen. Außerdem hatte die Kompanie 61 Mann an Toten und Verwundeten verloren. Leutnant Daubes war durch eine Schrapnellkugel schwer verwundet. Hauptmann Leßner, der durch Granatsplitter am rechten Schienbein verwundet war, behielt die Führung der Kompanie. Beim Gehen schützte ihn sein treuer Entfernungsschätzer Unteroffizier Heinrich Rasch aus Freiensteiner.

Das Regiment hatte seine Aufgabe erfüllt, das XVIII. Reserve-Armee-Korps und das ihm folgende VI. Armee-Korps hatten ungestört vom Feinde den Maasübergang durchgeführt. Aber die Erfüllung des Auftrages hatte schwere Opfer gekostet! Von dem Offizierkorps und den etwa 3.000 Mann des Regiments sammelten sich am Abend beiderseits der Straße Mouzon-Beaumont 6 Offiziere 600 Mann! Durch die Artilleriebedeckung, Seitendeckung, Versprengte usw. erhöhte sich zwar dann die Gefechtskraft auf 1.000 Mann, aber fast 2/3 hatte das Regiment verloren!

Andere Teile der Division hatten das westlich des Schlachtfeldes des Regiments liegende Dorf Yoncq genommen, hatten aber über das Dorf und den nördlich des Ortes liegenden Wald hinaus nicht vordringen können.

Gefallen waren die Hauptleute Freiherr von Buddenbrock-Hettersdorf und Diehm, die Leutnants Jung, Todt, Castringius, Boge, die Offizierstellvertreter Barth, Nerger, Müller, Jung, Preuß, Rauff. Der schwer verwundete Major von Busse starb in der Nacht 28./29. im Feldlazarett Mouzon. Verwundet waren Oberstleutnant von Pfeil, die Hauptleute Freiherr von Stein zu Nord- und Ostheim, Bader, Freiherr Raiß von Frentz, Goepel, Ulrichs; die Oberleutnants Weimer, Waldeck, Freiherr von Lyncker, Quade, von Mentz; die Leutnants Huhn, Rausch, Daubes, Trümper, Hosch, Warnke, Eckhardt; die Offizierstellvertreter Zeh, Thielert (gestorben 01.09.), Saxer, Berger, Malzan. Die Verluste an Unteroffizieren und Mannschaften lassen sich nur nach den Stammrollen feststellen. Beim III. Bataillon waren sie so stark, dass die noch kampffähigen auf die Kompanien des I. und II. Bataillons verteilt wurden.“

Die Lage des Grabes von Eberhard Brod ist unbekannt. Ich vermute jedoch, dass er, wenn seine Gebeine bis heute geborgen wurden, anonym in einem Massengrab auf dem Soldatenfriedhof Noyers-Pont-Maugis beigesetzt wurde, wo man auch seine Regimentskameraden begrub, die am selben Tag fielen, u. a.

  • Feldwebel Dr. Georg Rauff, geboren am 10.11.1879 in Berlin, gefallen am 28.08.1914 bei Mouzon, begraben auf dem Soldatenfriedhof Noyers-Pont-Maugis in einem Massengrab;
  • Offizierstellvertreter Adolf Barth, geboren am 02.08.1889 in Kettenheim, gefallen am 28.08.1914 bei Mouzon, begraben auf dem Soldatenfriedhof Noyers-Pont-Maugis in einem Massengrab;
  • Hauptmann Alexis Freiherr von Buddenbrock-Hettersdorf, geboren am 05.03.1878 in Wrietzen, gefallen am 28.08.1914 bei Mouzon, begraben auf dem Soldatenfriedhof Noyers-Pont-Maugis in einem Massengrab.
Gedenktafel des Turn-Verein Steinfurth für Eberhard Brod, Ludwig Falk, Heinrich Arnoldi, Heinrich Thönges, Konrad Thönges, Wilhelm Thönges, Paul Richard Jacob, Wilhelm Walter, Ludwig Thönges, Wilhelm Steinhauer und Heinrich Theis auf dem Friedhof von Steinfurth (Bad Nauheim)